
17 Juli WIEDER IST ES MEDIENVERSAGEN STATT MACHTKONTROLLE
Die eigentliche Story ist nicht „Leihmutter“ oder „Moral“.
Die Story ist: Journalismus am Thema vorbei.
Es ist faszinierend, wie zuverlässig große Teile der deutschen Medien an den wirklich interessanten Fragen vorbeiberichten.
Kaum wird bekannt, dass Jens Spahn mithilfe einer Leihmutter Vater geworden ist, drehen sich die Schlagzeilen um Leihmutterschaft, Doppelmoral und moralische Bewertungen.
Das Problem ist nur: Genau das ist nicht die Geschichte.
Die Geschichte ist, dass ein Spitzenpolitiker offenbar Möglichkeiten nutzt, die Millionen Bürgern faktisch verschlossen bleiben. Und dass kaum jemand die entscheidende Frage stellt.
Der deutsche Journalismus liebt Nebenschauplätze
Die Mechanik ist inzwischen bekannt.
Man nimmt ein emotional aufgeladenes Thema.
Man lädt Politiker der verschiedenen Parteien ins Studio ein.
Man diskutiert Moral.
Man diskutiert Ethik.
Man diskutiert gesellschaftliche Werte.
Und am Ende hat man eine Woche lang Sendezeit gefüllt, ohne den eigentlichen Kern auch nur zu berühren.
Das ist kein Zufall. Es ist ein strukturelles Problem.
Die eigentliche Geschichte wäre viel unbequemer
Denn sie würde eine Frage aufwerfen, die deutlich mehr Sprengkraft besitzt:
Was sagt es über unsere politische Klasse aus, wenn sie sich Möglichkeiten verschafft, die sie der eigenen Bevölkerung gleichzeitig verwehrt?
Das ist keine Debatte über Familienmodelle.
Das ist eine Debatte über Macht.
Über Privilegien.
Über Gleichheit vor dem Gesetz.
Über Glaubwürdigkeit.
Genau diese Fragen wären Aufgabe des politischen Journalismus.
Statt Kontrolle gibt es Ablenkung
Der Journalismus versteht sich gern als vierte Gewalt.
Als Kontrolle der Mächtigen.
Doch immer häufiger wirkt es, als beschäftige er sich lieber mit den Nebelkerzen als mit dem eigentlichen Feuer.
Die Berichterstattung kreist um Leihmutterschaft.
Sie kreist um sexuelle Orientierung.
Sie kreist um konservative oder progressive Moralvorstellungen.
Alles Themen, über die sich hervorragend streiten lässt.
Nur eines bleibt außen vor:
Hat ein Spitzenpolitiker seine gesellschaftliche Stellung genutzt, um Regeln zu umgehen, die für andere gelten?
Genau dort beginnt investigativer Journalismus.
Oder sollte es zumindest.
Wer die Schlagzeile setzt, setzt auch die Debatte
Journalismus entscheidet nicht nur darüber, was berichtet wird.
Sondern auch darüber, worüber eine Gesellschaft diskutiert.
Die Überschrift entscheidet, welchen Rahmen ein Thema bekommt.
„Heftige Kritik wegen Leihmutterschaft.“
Damit ist der Rahmen gesetzt.
Plötzlich diskutiert das Land über Leihmutterschaft.
Nicht über politische Privilegien.
Nicht über Rechtsgleichheit.
Nicht über die Glaubwürdigkeit der politischen Elite.
Das nennt man Framing.
Und genau darin liegt das eigentliche Versagen.
Die Frage, die auf jede Titelseite gehört hätte
Nicht:
„Darf Jens Spahn Vater werden?“
Sondern:
„Warum können Spitzenpolitiker Regeln umgehen, die für normale Bürger gelten und warum machen die Medien daraus eine Moraldebatte statt eine Machtdebatte?“
Genau dort beginnt Journalismus.
Alles andere ist die Geschichte neben der Geschichte.






























































