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DAS WISSEN DER DUMMEN IST DER GLAUBE

Glauben-Blog

DAS WISSEN DER DUMMEN IST DER GLAUBE

Ein unbequemer Satz. Provokant. Und gerade deshalb ein präziser Einstieg, um über den Zustand von Musik- und Medienproduktion im Jahr 2025 zu sprechen.

Selten war der Abstand zwischen gefühltem Wissen und tatsächlicher Kompetenz größer als heute. Noch nie war es so einfach, laut mitzureden, mitzuproduzieren, zu veröffentlichen und dabei fest davon überzeugt zu sein, Recht zu haben. Und noch nie war es so schwierig, echte Substanz von gut verpacktem Unsinn zu unterscheiden.

 

Glaube ersetzt Wissen und man wird dafür belohnt

 

In der Musik- und Medienbranche kann man ein paradoxes Phänomen beobachten:
Je weniger jemand weiß, desto sicherer tritt er auf.

Das liegt nicht an Arroganz, sondern an fehlender Vergleichsbasis. Wer nie gelernt hat, wie ein sauberer Mix klingt, erkennt keinen schlechten. Wer nie verstanden hat, was Dramaturgie, Timing oder Raumwirkung wirklich bedeuten, hält jedes Ergebnis für „Geschmackssache“. Und wer nie mit exzellenten Produktionen gearbeitet hat, verwechselt Lautstärke mit Qualität, Komplexität mit Tiefe und Präsenz mit Relevanz.

Der Glaube tritt an die Stelle des Wissens und wird durch Social Media, Plattformökonomie und Algorithmen systematisch verstärkt.
Sichtbarkeit schlägt Substanz. Selbstbewusstsein schlägt Kompetenz. Meinung schlägt Analyse.

Das Problem: Der Markt unterscheidet nicht mehr zuverlässig.

 

Die Demokratisierung der Werkzeuge und die Entwertung der Ergebnisse

 

DAWs, Plug-ins, Sample-Libraries, KI-Tools, Templates, Presets.
Nie zuvor standen so mächtige Werkzeuge so vielen Menschen zur Verfügung. Das ist grundsätzlich positiv. Aber Demokratisierung ohne Ausbildung erzeugt kein Niveau, sie erzeugt Masse.

Technik wird mit Können verwechselt.
Ein teures Mikrofon ersetzt keine Mikrofonierung.
Ein Mastering-Preset ersetzt kein Gehör.
Eine KI-Stimme ersetzt kein Verständnis von Sprache, Rhythmus und Bedeutung.

Was bleibt, ist Glaube:
„Das klingt professionell, weil es teuer war.“
„Das funktioniert, weil es viele Klicks hat.“
„Das ist gut, weil ich es fühle.“

Gefühl ist kein Qualitätskriterium. Es ist ein Startpunkt. Mehr nicht.

 

Meinung ist billig Erfahrung ist teuer

 

In kaum einer Branche wird so hemmungslos mit Meinungen gehandelt wie in Musik und Medien. Jeder Podcast, jeder Reel-Creator, jeder YouTube-Kanal liefert Gewissheiten. Meist ohne Einordnung. Ohne Kontext. Ohne Haftung.

Erfahrung hingegen ist langsam. Teuer. Frustrierend.
Sie entsteht durch Fehlentscheidungen, gescheiterte Produktionen, peinliche Veröffentlichungen, Kunden, die abspringen, Mixe, die auf anderen Anlagen zerfallen, Videos, die ihre Wirkung verfehlen.

Erfahrung lehrt Demut.
Glaube erzeugt Gewissheit.

Und genau deshalb ist Glaube so attraktiv.

 

Der Algorithmus liebt den Dummen, nicht den Zweifelnden

 

Plattformen belohnen Klarheit, nicht Richtigkeit.
Extreme Thesen, einfache Antworten, klare Schuldige. Das passt perfekt zum Glauben, aber schlecht zum Wissen.

Wissen ist differenziert.
Wissen ist oft langweilig.
Wissen beginnt fast immer mit: „Es kommt darauf an.“

In einer Aufmerksamkeitsökonomie ist das ein Nachteil.

Also gewinnen diejenigen, die keine Zweifel kennen. Die sich nicht korrigieren. Die nie „Ich weiß es nicht“ sagen. Der Dumme glaubt und wird gehört. Der Wissende hinterfragt und wird überhört.

Das ist kein moralisches Urteil. Es ist eine strukturelle Realität.

 

Musikproduktion ohne musikalisches Verständnis

 

Ein besonders drastisches Beispiel ist die Musikproduktion selbst.
Tracks werden gebaut, nicht komponiert. Arrangements werden kopiert, nicht gedacht. Sounds werden gesammelt, nicht gestaltet.

Häufig fehlt nicht Talent, sondern Fundament:

– Kein Verständnis für Harmonielehre
– Kein Gefühl für Dynamik
– Keine Kenntnis von psychoakustischen Zusammenhängen
– Keine Erfahrung mit realen Räumen und echten Instrumenten

Stattdessen: Tutorials, Presets, Glaubenssätze.
„Mehr Höhen = mehr Qualität.“
„Laut ist besser.“
„Wenn es auf dem Handy knallt, passt es.“

Das Ergebnis ist ein globaler Einheitsbrei. Technisch korrekt. Emotional austauschbar. Inhaltlich leer.

 

Medienproduktion als Simulation von Bedeutung

 

Auch im Film-, Video- und Podcast-Bereich zeigt sich dasselbe Muster.
Form ersetzt Inhalt. Haltung ersetzt Recherche. Stil ersetzt Substanz.

Kameras werden besser, Inhalte flacher.
Schnitt wird schneller, Aussagen dünner.
Branding wird lauter, Botschaften leerer.

Warum?
Weil Bedeutung Arbeit macht.
Weil echte Analyse unbequem ist.
Weil Unsicherheit schwer auszuhalten ist.

Glaube ist einfacher. Glaube gibt Halt. Glaube gibt Identität.

 

Der gefährlichste Satz der Branche

 

Der gefährlichste Satz in Musik und Medien lautet nicht:
„Ich habe keine Ahnung.“

Er lautet:
„Das ist meine Meinung.“

Denn Meinungen sind unangreifbar. Sie entziehen sich jeder Diskussion. Sie immunisieren gegen Lernen. Und sie werden oft benutzt, um fehlendes Wissen zu kaschieren.

Wissen hingegen ist überprüfbar. Es kann widerlegt werden. Und genau deshalb ist es unbequem.

 

Bildung wird ersetzt durch Inspiration

 

Inspiration ist der neue Fetisch.
„Lass dich inspirieren.“
„Follow your passion.“
„Mach einfach dein Ding.“

Das klingt gut. Aber ohne Bildung führt Inspiration ins Leere.
Sie erzeugt Bewegung ohne Richtung. Aktivität ohne Fortschritt. Output ohne Entwicklung.

Wer glaubt, Inspiration ersetze Ausbildung, glaubt auch, dass Erfolg zufällig sei. Oder schlimmer: verdient.

Die Realität ist brutaler. Qualität ist erlernbar. Aber nicht ohne Anstrengung.

 

KI als Brandbeschleuniger des Glaubens

 

Künstliche Intelligenz verschärft dieses Problem massiv.
Nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie kompetent wirkt.

KI liefert plausible Ergebnisse. Sie klingt richtig. Sie sieht richtig aus. Aber sie versteht nichts. Und wer selbst nichts versteht, kann nicht beurteilen, ob das Ergebnis sinnvoll ist.

So wird Glaube automatisiert.
Der Mensch glaubt der Maschine.
Und die Maschine verstärkt den Glauben des Menschen.

Ein geschlossener Kreis. Ohne Korrektiv.

 

Professionalität beginnt mit Zweifel

 

Echte Professionalität erkennt man nicht an Selbstbewusstsein, sondern an Skepsis.
An der Fähigkeit, das eigene Tun infrage zu stellen.
An der Bereitschaft, langsamer zu arbeiten, um besser zu werden.

Wer glaubt, ist fertig.
Wer weiß, bleibt Schüler.

Das ist unbequem. Aber notwendig.

 

Die Verantwortung der Profis

 

Wer wirklich weiß, trägt Verantwortung.
Nicht zu belehren.
Nicht zu moralisieren.
Sondern Standards vorzuleben.

Gute Arbeit ist ein stiller Widerspruch gegen lauten Unsinn.
Saubere Produktionen, klare Dramaturgie, nachvollziehbare Entscheidungen, sie entlarven den Glauben, ohne ihn anzugreifen.

Das ist anstrengend. Aber wirksam.

 

Ein unbequemes Fazit

 

Das Wissen des Dummen ist der Glaube.
Und die Musik- und Medienbranche leidet massiv darunter.

Nicht, weil es zu viele Anfänger gibt.
Sondern weil zu viele Anfänger glauben, keine mehr zu sein.

Die Lösung ist nicht Exklusivität.
Nicht Gatekeeping.
Nicht Nostalgie.

Die Lösung ist Bildung, Zweifel, Tiefe und der Mut, Dinge wieder komplizierter zu denken.

Denn Qualität entsteht nicht aus Überzeugung.
Sie entsteht aus Erkenntnis.

Und Erkenntnis beginnt dort, wo der Glaube endet.

Das Maison Derrière Studio ist ein deutsches Tonstudio in Mannheim. Der Tonstudio-Blog behandelt Musikproduktion, Studioprozesse, Mindset, Podcast-Produktion und die Realität der Medienbranche, jenseits von reinem Gear-Talk.

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