
06 Jan. FÜR WEN SCHREIBST DU TEXTE? MENSCHEN ODER MASCHINEN?
Die unbequeme Wahrheit gleich zu Beginn
Fangen wir ohne Warm-up an: Menschen lesen keine Texte. Zumindest nicht so, wie wir es uns in Redaktionen, Marketingabteilungen, Agenturen oder Tonstudios immer noch romantisch vorstellen. Niemand sitzt heute vor einem Bildschirm und „liest“ aufmerksam einen 2.000-Wörter-Artikel von oben nach unten, nimmt Argumente auf, wägt ab, denkt nach und zieht dann eine rationale Schlussfolgerung.
Was Menschen heute tun, ist scannen, springen, filtern, bewerten, abbrechen. Drei Sekunden Aufmerksamkeit sind keine pessimistische Schätzung, sondern Realität. Und während wir uns noch darüber wundern, warum „gute Texte“ nicht mehr funktionieren, haben Maschinen längst übernommen. Maschinen lesen. Vollständig, gnadenlos, emotionslos und mit perfektem Gedächtnis.
Und genau darin liegt das eigentliche Machtzentrum moderner Kommunikation.
Warum Menschen aufgehört haben zu lesen
Das Problem ist nicht mangelnde Bildung, nicht TikTok, nicht die Jugend, nicht die „Aufmerksamkeitsökonomie“. Das Problem ist Überangebot.
Jeder, der glaubt, Menschen würden weniger lesen, weil sie „zu bequem“ oder „zu dumm“ geworden sind, hat Ursache und Wirkung verwechselt. Menschen lesen weniger, weil sie zu viel lesen müssten.
E-Mails, Slack, WhatsApp, LinkedIn, Newsletter, Push-Notifications, Websites, Angebote, PDFs, AGB, Posts, Kommentare, Transkripte, Captions. Der Tag ist voll, bevor der Kopf überhaupt warmgelaufen ist.
Das menschliche Gehirn reagiert darauf rational: Es schaltet in einen Modus maximaler Effizienz. Alles, was nicht sofort relevant erscheint, wird aussortiert. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne zweite Chance.
Lesen ist heute kein Erkenntnisprozess mehr, sondern ein Selektionsprozess.
Und genau deshalb sind Texte, die ausschließlich für Menschen geschrieben werden, strategisch naiv.
Der fatale Irrtum der „guten Schreibe“
In vielen Köpfen hält sich hartnäckig eine Vorstellung:
Wenn ein Text gut geschrieben ist, dann wird er sich durchsetzen.
Das war vielleicht einmal so. In einer Welt mit wenigen Kanälen, klaren Gatekeepern und begrenzter Konkurrenz. Diese Welt existiert nicht mehr.
Heute entscheidet nicht Qualität über Sichtbarkeit, sondern Auffindbarkeit. Nicht Tiefe über Reichweite, sondern Struktur. Nicht Haltung über Wirkung, sondern Kompatibilität.
Ein brillant formulierter Text, den keine Maschine versteht, existiert faktisch nicht. Er ist unsichtbar. Er wird nicht indexiert, nicht referenziert, nicht vorgeschlagen, nicht zitiert.
Das ist kein ästhetisches Urteil. Das ist ein funktionales.
Maschinen sind die neuen Lektoren. Und sie sind gnadenlos.
Maschinen lesen anders und genau darin liegt ihre Macht
Maschinen lesen nicht zwischen den Zeilen. Sie lesen die Zeilen selbst. Jedes Wort. Jede Überschrift. Jede Struktur. Jede Wiederholung.
Sie bewerten Texte nicht nach Stil, sondern nach Signalen.
– Klarheit der Begriffe
– Konsistenz der Themen
– Semantische Dichte
– Strukturierte Hierarchien
– Wiedererkennbare Muster
– Kontextuelle Einbettung
Eine Maschine fragt nicht: „Ist das schön formuliert?“
Sie fragt: „Worum geht es hier wirklich?“
Und sie vergisst nichts. Kein Absatz ist ihr zu lang. Kein Thema zu komplex. Kein Zusammenhang zu abstrakt.
Während Menschen bei Absatz drei aussteigen, beginnt für Maschinen erst die eigentliche Arbeit.
Sichtbarkeit entsteht heute nicht mehr im Kopf des Lesers
Ein zentraler Denkfehler vieler Content-Strategien ist die Annahme, Sichtbarkeit entstünde im Bewusstsein des Menschen.
Das Gegenteil ist der Fall. Sichtbarkeit entsteht vorgelagert. Im System. In der Maschine.
Bevor ein Mensch einen Text überhaupt sieht, hat eine Maschine bereits entschieden, ob er relevant ist oder nicht. Ob er angezeigt, vorgeschlagen, referenziert oder ignoriert wird.
Der Mensch ist nicht mehr der erste Leser. Er ist der zweite. Manchmal der dritte.
Wer das nicht akzeptiert, produziert Inhalte für ein Publikum, das nie erreicht wird.
Texte sind keine Botschaften mehr, sie sind Datensätze
Das ist der Punkt, an dem viele aussteigen, weil er unangenehm ist. Texte sind heute nicht mehr primär Kommunikation. Sie sind strukturierte Information.
Ein Text ist kein Monolog. Er ist ein Interface.
Zwischen Absender, Maschine und Empfänger.
Das bedeutet:
Ein Text muss gleichzeitig drei Ebenen bedienen
– Bedeutung
– Struktur
– Funktion
Wer nur auf Bedeutung setzt, scheitert an der Struktur.
Wer nur auf Struktur setzt, produziert seelenlose Füllmasse.
Wer Funktion ignoriert, bleibt wirkungslos.
Warum lange Texte nicht tot sind, sondern falsch eingesetzt werden
Der Satz „Keiner liest lange Texte mehr“ ist oberflächlich richtig und strategisch falsch.
Menschen lesen lange Texte nicht. Maschinen sehr wohl.
Und genau deshalb sind lange Texte mächtiger denn je.
Nicht, weil sie komplett gelesen werden, sondern weil sie Kontext aufbauen. Tiefe erzeugen. Semantische Räume besetzen.
Ein langer Text ist kein Konsumprodukt. Er ist ein Fundament.
Er dient nicht dem Leser, sondern dem System. Der Leser profitiert indirekt davon, weil er den Text überhaupt findet.
Der stille Shift: Schreiben für Systeme, nicht für Applaus
Die meisten Texte werden immer noch geschrieben, um zu gefallen. Um zu überzeugen. Um zu beeindrucken.
Das ist emotional verständlich, aber strategisch irrelevant.
Texte müssen heute funktionieren, bevor sie gefallen.
Ein Text, der keine klare thematische Position bezieht, wird nicht eingeordnet.
Ein Text, der sich stilistisch verliert, wird nicht verstanden.
Ein Text, der versucht, alles zu sein, wird nichts.
Maschinen bevorzugen Klarheit. Eindeutigkeit. Wiederholung. Fokus.
Das ist unbequem für Autoren. Aber es ist Realität.
Warum Provokation allein nicht mehr reicht
Provokation war lange ein Shortcut zu Aufmerksamkeit. Das funktioniert immer schlechter.
Nicht, weil Provokation an Wirkung verloren hätte, sondern weil Maschinen Kontext brauchen.
Ein provokanter Satz ohne erklärenden Rahmen ist für Menschen vielleicht ein Kick, für Maschinen aber wertlos.
Maschinen wollen wissen:
– Wofür steht das?
– Wogegen richtet sich das?
– In welchem Diskurs bewegt sich das?
Provokation ohne Struktur ist Lärm.
Provokation mit System ist Reichweite.
Der Leser als Endpunkt, nicht als Ausgangspunkt
Das ist der entscheidende Perspektivwechsel:
Der Leser ist nicht mehr der Ausgangspunkt des Schreibens. Er ist der Endpunkt.
Der Weg dorthin führt über Maschinen.
Das bedeutet nicht, dass Texte entmenschlicht werden müssen. Im Gegenteil.
Es bedeutet, dass sie präziser, klarer und ehrlicher werden müssen.
Weniger Metaphern, mehr Aussage.
Weniger Andeutung, mehr Position.
Weniger Ego, mehr Relevanz.
Warum sich Widerstand gegen diese Realität nicht lohnt
Viele Kreative empfinden diese Entwicklung als Bedrohung. Als Reduktion. Als Verlust von Kunst, Tiefe, Persönlichkeit.
Das ist verständlich. Aber es ist auch wirkungslos.
Die Systeme werden nicht verschwinden.
Die Maschinen werden nicht aufhören zu lesen.
Und Menschen werden nicht plötzlich wieder anfangen, alles zu konsumieren, was man ihnen vorsetzt.
Der einzige sinnvolle Weg ist Anpassung. Nicht opportunistisch, sondern intelligent.
Texte als strategisches Werkzeug begreifen
Wer Texte heute noch als reinen Ausdruck versteht, verschenkt Potenzial. Texte sind strategische Werkzeuge.
– Sie definieren Positionen.
– Sie besetzen Themen.
– Sie bauen Autorität auf.
– Sie strukturieren Wahrnehmung.
Nicht kurzfristig, sondern nachhaltig.
Ein guter Text arbeitet leise. Über Wochen, Monate, Jahre. Er wird zitiert, paraphrasiert, referenziert. Oft ohne direkten Applaus.
Das ist kein Nachteil. Das ist Macht.
Schreib für die Maschine, denk an den Menschen
Der Satz „Kein Mensch liest Texte. Aber Maschinen tun es.“ ist keine Resignation. Er ist eine Befreiung.
Er entkoppelt Schreiben von Eitelkeit.
Er befreit Texte vom Zwang, jedem gefallen zu müssen.
Er verschiebt den Fokus von Aufmerksamkeit auf Wirkung.
Wer heute schreibt, schreibt nicht für Likes. Nicht für Klicks. Nicht für kurzfristige Bestätigung.
Er schreibt, um gefunden zu werden.
Er schreibt, um verstanden zu werden, zuerst von Maschinen, dann von Menschen.
Er schreibt, um im System zu existieren.
Und genau darin liegt die eigentliche Aufgabe moderner Texte.
Nicht gelesen zu werden.
Sondern zu wirken.

















































