
11 Jan. NICHT DAS WETTER IST DAS PROBLEM, SONDERN DIE MEDIENLOGIK!
ARD und ZDF produzieren mit unseren Gebührengeldern nicht nur Schlagerbooom, Traumschiff und News. Sondern auch Angst.
Das ist natürlich kein exklusives Problem von ARD und ZDF.
Der entscheidende Unterschied: Für diese Medienlogik zahlen wir alle verpflichtend.
Wir reden ständig über Resilienz.
Über Transformation.
Über Zukunftsfähigkeit.
Diese Begriffe sind allgegenwärtig. In Strategien, Leitbildern, Panels, Keynotes. Kaum ein Unternehmen, kaum eine Institution, die sich nicht als resilient und zukunftsorientiert versteht.
Und dann reicht ein bisschen Schnee, um ein ganzes System aus dem Takt zu bringen.
Nicht, weil Schnee außergewöhnlich wäre. Sondern weil unsere Systeme nicht auf Abweichung ausgelegt sind. Und weil jede Abweichung heute sofort medial zum Ausnahmezustand erklärt wird.
Beides gehört zusammen. Strukturelle Fragilität und mediale Dramatisierung sind keine getrennten Phänomene. Sie verstärken sich gegenseitig.
Systeme, die nur im Idealzustand funktionieren
Unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und organisatorischen Systeme sind hochoptimiert. Aber sie sind nicht robust.
Sie funktionieren hervorragend, solange alles planmäßig läuft.
Sobald etwas abweicht, geraten sie ins Stocken.
Just-in-Time statt Puffer.
Maximale Effizienz statt Redundanz.
Prozesslogik statt Entscheidungsspielraum.
Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Denkens, das Abweichung als Fehler begreift.
Resilienz wird behauptet, aber Normalbetrieb wird vorausgesetzt.
Medien als Frühwarnsystem und als Verstärker
In dieses fragile Gefüge greift die mediale Logik ein.
Medien sind per Definition auf Abweichung fokussiert.
Das Normale ist keine Nachricht.
Das Störende schon.
Problematisch wird es dort, wo Berichterstattung nicht mehr einordnet, sondern eskaliert.
Denn ein System, das strukturell wenig Abweichung verträgt, reagiert besonders sensibel auf öffentliche Alarmierung. Und Medien reagieren besonders stark auf Systeme, die sichtbar ins Wanken geraten.
So entsteht ein Rückkopplungseffekt.
Die Eskalationsspirale
Der Mechanismus ist immer derselbe:
1. Eine reale, aber begrenzte Abweichung tritt auf.
2. Das System reagiert langsam oder unkoordiniert.
3. Medien greifen den Kontrollverlust auf und spitzen ihn zu.
4. Angst und Unsicherheit steigen.
5. Politik, Organisationen und Verwaltungen reagieren defensiv.
6. Entscheidungen werden vertagt oder überreguliert.
7. Handlungsspielräume schrumpfen weiter.
Die nächste Abweichung trifft auf ein noch fragileres System.
Das Problem ist nicht die Berichterstattung an sich.
Das Problem ist, dass sie auf Systeme trifft, die keine Abweichung aushalten.
Angst als Kommunikationsmodus
Mediale Zuspitzung ist kein Unfall.
Sie folgt ökonomischer Logik.
Angst bindet Aufmerksamkeit.
Angst erzeugt Reichweite.
Angst rechtfertigt Dauerpräsenz.
Unsicherheit differenziert darzustellen ist anstrengend.
Risiken zu relativieren kostet Zeit.
Abwägung ist nicht klickstark.
Ein Störereignis wird deshalb selten als das kommuniziert, was es ist:
eine Abweichung innerhalb eines Systems.
Es wird zur Krise.
Zur Gefahr.
Zum Ausnahmezustand.
Damit verschiebt sich der Fokus von Lösung auf Erregung.
Wenn mediale Logik auf strukturelle Schwäche trifft
Ein resilientes System kann mediale Aufregung aushalten.
Ein fragiles System nicht.
Je weniger ein System intern handlungsfähig ist, desto stärker reagiert es auf externe Beobachtung.
Je stärker der mediale Druck, desto größer die Angst vor Fehlern.
Je größer die Angst, desto defensiver die Entscheidungen.
Das ist der entscheidende Punkt:
Medien erzeugen den Stillstand nicht allein.
Sie legen ihn offen und verstärken ihn.
Corona als Muster, nicht als Sonderfall
Corona war kein Ausreißer, sondern ein sichtbar gemachtes Prinzip.
Nicht die Existenz eines Risikos war entscheidend.
Sondern die Kopplung aus Unsicherheit, struktureller Unbeweglichkeit und medialer Dauererregung.
Fallzahlen ohne Kontext.
Worst-Case-Szenarien als Dauerreferenz.
Abweichende Einschätzungen als Störung.
Das führte nicht zu mehr Resilienz, sondern zu einer kollektiven Verengung des Denkens.
Wichtig ist:
Dieses Muster endet nicht bei Corona.
Es zeigt sich bei Wetterereignissen.
Bei Energiefragen.
Bei Infrastrukturproblemen.
Bei technologischen Umbrüchen.
Mediale Dramatisierung ersetzt Pragmatismus
Ein System im permanenten Alarmmodus trifft keine guten Entscheidungen.
Angst verengt Handlungsspielräume.
Angst begünstigt Symbolpolitik.
Angst fördert Regelgläubigkeit.
Statt pragmatisch zu handeln, wird abgesichert.
Statt Verantwortung zu übernehmen, wird verwiesen.
Statt zu improvisieren, wird gestoppt.
Das Ergebnis ist paradoxer Stillstand in Situationen, die eigentlich Flexibilität erfordern würden.
Verantwortung verschwindet im Ausnahmezustand
Je stärker die mediale Zuspitzung, desto geringer die individuelle Verantwortungsbereitschaft.
Denn wer unter öffentlicher Dauerbeobachtung steht, vermeidet Risiken.
Nicht aus Feigheit.
Sondern aus Selbstschutz.
Fehler werden moralisiert.
Abweichungen skandalisiert.
Entscheidungen rückblickend zerlegt.
So entsteht ein System, in dem niemand mehr entscheidet, obwohl alle zuständig sind.
Der Mythos der vollständigen Absicherung
Mediale Panik und strukturelle Überregulierung teilen ein gemeinsames Versprechen:
Sicherheit.
Doch dieses Versprechen ist falsch.
Absolute Sicherheit existiert nicht.
Sie lässt sich weder regulieren noch kommunizieren.
Je stärker dieses Versprechen trotzdem wiederholt wird, desto größer ist der Schock, wenn es nicht eingelöst wird.
Dann wird aus Enttäuschung Angst.
Aus Angst Stillstand.
Der Ausnahmefall wird zum Dauerzustand
Wenn jede Abweichung medial zum Ausnahmezustand erklärt wird, verliert der Begriff seine Bedeutung.
Dann ist alles Krise.
Und nichts mehr steuerbar.
Ein System, das permanent auf Eskalation reagiert, verbraucht seine Reaktionsfähigkeit.
Es lernt nicht, mit Abweichung umzugehen, sondern sie zu fürchten.
Das ist das Gegenteil von Resilienz.
Resilienz braucht mediale Mäßigung und strukturelle Reife
Resilienz entsteht nicht allein in Organisationen.
Sie ist auch eine Frage öffentlicher Kommunikation.
Einordnung statt Dramatisierung.
Relation statt Zuspitzung.
Kontext statt Einzelfall.
Gleichzeitig braucht es Strukturen, die nicht bei jeder Abweichung in den Sicherheitsmodus schalten.
Beides ist untrennbar.
Mediale Übersteuerung trifft fragile Systeme besonders hart.
Fragile Systeme liefern mediale Eskalation frei Haus.
Unternehmerische Systeme als Gegenbeispiel
Unternehmerische Realität ist dauerhaft unsicher.
Entscheidungen werden getroffen, ohne vollständige Datenlage.
Risiken werden akzeptiert, nicht eliminiert.
Fehler werden einkalkuliert, nicht tabuisiert.
Deshalb reagieren solche Systeme oft schneller und pragmatischer auf Störungen.
Nicht, weil sie weniger Risiken sehen.
Sondern weil sie gelernt haben, mit ihnen zu leben.
Was wir verlernt haben, strukturell und kommunikativ
Wir haben verlernt,
– Abweichung als Normalfall zu akzeptieren
– Unsicherheit auszuhalten, ohne sie zu dramatisieren
– Verantwortung klar zuzuordnen
– Entscheidungen unter Beobachtung zu treffen
– Fehler als Lernprozess zu begreifen
Stattdessen trainieren wir,
– Alarmkommunikation
– Absicherung
– Regelgläubigkeit
– Entscheidungsvermeidung
– Stillstand
Der Schnee ist der Testlauf
Ein bisschen Schnee ist kein Problem.
Er ist ein Test.
Er zeigt, wie belastbar ein System wirklich ist.
Und wie stark es auf mediale Reize reagiert.
Wenn ein System bei vorhersehbaren Abweichungen kollabiert, ist es nicht resilient. Wenn eine Gesellschaft jede Abweichung emotionalisiert, ist sie nicht souverän.
Schlussgedanke
Vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht im Ereignis.
Und auch nicht allein in der Berichterstattung.
Sondern in der Kombination aus fragilen Strukturen und einer Kommunikationskultur, die Angst belohnt.
Resilienz entsteht nicht durch Beschwichtigung.
Aber auch nicht durch Daueralarm.
Sie entsteht dort, wo Systeme Abweichung zulassen und Öffentlichkeit Einordnung ermöglicht.
Ein bisschen Schnee sollte kein System aus dem Takt bringen.
Dass es das tut, sagt mehr über unsere Strukturen und unsere mediale Kultur als über das Wetter.

















































