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DIE ANGLOAMERIKANISCHE ENTERTAINMENT KOLONIE

Entertainment-Blog

DIE ANGLOAMERIKANISCHE ENTERTAINMENT KOLONIE

Das Wort Kolonie klingt nach Kanonenbooten, Gouverneuren und Flaggen auf fremdem Boden. Genau deshalb wird es reflexhaft abgewehrt.

Zu historisch, zu grob, zu unbequem. Und doch beschreibt es den Zustand erstaunlich präzise, wenn man den Begriff nicht territorial, sondern kulturell und ökonomisch liest.

Deutschland ist politisch souverän. Kulturell im Entertainment-Bereich ist diese Souveränität seit Jahrzehnten massiv eingeschränkt. Nicht aus Zwang, sondern aus Gewöhnung. Das ist der entscheidende Punkt.

Wer glaubt, das sei antiamerikanische Folklore oder kulturpessimistisches Gejammer, verkennt die Mechanik dahinter. Es geht nicht um Geschmack. Es geht um Macht, Skalierung, Kapital und Deutungshoheit. Und genau dort zeigt sich, wie tief Deutschland im Einflussraum der angloamerikanischen Unterhaltungsindustrie steckt.

 

Die Sprache als erstes Indiz: Englisch ist der Default

 

Beginnen wir banal. Die dominierende Sprache der globalen Popkultur ist Englisch. Das allein wäre kein Beweis. Entscheidend ist etwas anderes: Deutsch gilt im Entertainment als erklärungsbedürftig. Sobald ein deutscher Künstler, Film oder ein Format international funktionieren soll, wird übersetzt, angepasst, neutralisiert. Umgekehrt passiert das nicht.

In Deutschland laufen Serien und Filme aus den USA im Original oder minimal lokalisiert. Deutsche Produktionen hingegen gelten selbst im eigenen Land oft als zweite Wahl. Wer im Pitch „international“ sagt, meint fast immer „angloamerikanisch kompatibel“. Das ist kein Zufall, sondern ein mentaler Default. Kolonialstrukturen beginnen im Kopf.

 

Marktbeherrschung durch Plattformen: Die Infrastruktur gehört anderen

 

Schauen wir uns an, wem die Infrastruktur gehört, über die Inhalte distribuiert werden:

Musikstreaming: Spotify, Apple Music, YouTube

Film und Serien: Netflix, Amazon Prime Video, Disney+

Social Distribution: Instagram, TikTok ( formal chinesisch, kulturell US-dominiert )

 

Deutschland besitzt keine relevante eigene Plattform, die kulturelle Reichweite, Algorithmenkontrolle und Monetarisierung in einer Hand vereint. Wer die Plattform kontrolliert, kontrolliert Sichtbarkeit, Erlösmodelle und Trends. Das ist klassische ökonomische Abhängigkeit. Nur ohne Soldaten.

 

Die Ästhetik: Wir kopieren, was wir konsumieren

 

Die visuelle und musikalische Grammatik deutscher Popkultur ist zu großen Teilen importiert. Sounddesign, Dramaturgie, Bildsprache, Erzähltempo, alles orientiert sich an Vorbildern aus den USA oder Großbritannien. Selbst „indie“ ist längst ein standardisiertes, global exportiertes Stilpaket.

Deutsche Produktionen wirken oft wie Übersetzungen einer fremden Originals. Man hört es im Mix, sieht es im Schnitt, erkennt es in den Hooks. Das Problem ist nicht Inspiration. Das Problem ist fehlende Eigenlogik. Kolonien entwickeln selten eigene Maßstäbe, sie orientieren sich an der Metropole.

 

Charts, Awards, Relevanz: Anerkennung kommt von außen

 

Wenn ein deutscher Künstler international wahrgenommen wird, gilt das hierzulande sofort als Qualitätssiegel. Umgekehrt funktioniert das nicht. Ein nationaler Erfolg reicht nicht. Erst die Anerkennung durch US-Charts, Festivals oder Medien adelt.

Billboard

Grammy Awards

Academy Awards

 

Diese Institutionen definieren Relevanz. Deutsche Preise spielen international keine Rolle. Selbst im eigenen Land wirken sie oft wie Trostpflaster. Das ist kein Minderwertigkeitskomplex, sondern eine nüchterne Machtfrage.

 

Ausbildung und Vorbilder: Wir lernen das falsche Referenzsystem

 

In Film-, Musik- und Medienausbildungen wird analysiert, was in Hollywood funktioniert, wie US-Serien geschrieben sind, wie amerikanische Hits aufgebaut werden. Das ist fachlich sinnvoll, aber strategisch fatal, wenn es keine gleichwertige eigene Referenz gibt.

Man bildet Produzenten, Autoren und Kreative aus, die perfekt wissen, wie man für fremde Märkte arbeitet, aber nicht, wie man eine eigenständige kulturelle Handschrift etabliert. Das Resultat sind technisch saubere, aber kulturell austauschbare Produkte.

 

Wirtschaftliche Abhängigkeit: Wertschöpfung fließt ab

 

Die großen Gewinne der Entertainment-Industrie landen nicht in Deutschland. Abos, Werbeeinnahmen, Lizenzgebühren, sie fließen an Konzerne mit Sitz außerhalb Europas. Deutschland ist Absatzmarkt, Talentpool und Testfeld. Aber nicht Eigentümer.

Das ist ein klassisches koloniales Muster:
Rohstoffe hier, Veredelung dort. Nur dass die Rohstoffe heute Aufmerksamkeit, Kreativität und Daten sind.

 

Die Illusion der Wahlfreiheit

 

Der gefährlichste Aspekt dieser Situation ist, dass sie freiwillig erscheint. Niemand zwingt uns, Netflix zu schauen oder Spotify zu nutzen. Und genau deshalb funktioniert das System so reibungslos. Kulturelle Kolonisierung 2.0 braucht keine Gewalt. Sie braucht Bequemlichkeit.

Algorithmen entscheiden, was sichtbar ist. Marketingbudgets entscheiden, was „groß“ wirkt. Und wir verwechseln Reichweite mit Relevanz. Wer aus diesem System ausbrechen will, gilt schnell als rückständig, schwierig oder nicht marktfähig.

 

Gegenargumente und warum sie zu kurz greifen

 

Ja, es gibt deutsche Erfolge. Ja, es gibt lokale Szenen. Ja, niemand verbietet Eigenständigkeit. Aber das ändert nichts an der strukturellen Asymmetrie. Einzelne Ausnahmen widerlegen kein System. Sie bestätigen es.

Solange:

– die Plattformen nicht hier gehören,

– die Maßstäbe von außen kommen,

– die Gewinne abfließen,

und kulturelle Anerkennung importiert wird, ist der Begriff Kolonie analytisch legitim.

 

Was das konkret für Kreative bedeutet

 

Für Produzenten, Musiker, Filmemacher heißt das:

Man arbeitet in einem Markt, der fremden Logiken folgt. Erfolg bedeutet Anpassung. Abweichung bedeutet Risiko. Wer bewusst eine eigene Sprache entwickelt, kämpft nicht nur gegen den Markt, sondern gegen jahrzehntelang konditionierte Erwartungen.

Das ist unbequem. Aber es ist die Realität.

 

Kolonie heißt nicht willenlos, aber abhängig.

 

Deutschland ist keine Kolonie im klassischen Sinn. Aber im Bereich Entertainment ist es kulturell, infrastrukturell und ökonomisch abhängig vom angloamerikanischen Raum. Das zu benennen ist kein Kulturkampf, sondern Voraussetzung für Veränderung.

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob das schlimm ist. Sondern:
Wie lange wir uns noch einreden, dass es normal ist.

Wer kulturelle Souveränität will, muss Infrastruktur, Kapital und Maßstäbe selbst kontrollieren. Alles andere ist Kosmetik. Und Kosmetik ändert keine Machtverhältnisse.

Das ist unbequem. Aber realistisch. Und genau deshalb notwendig.

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