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NIEMAND KAUFT KREATIVITÄT. MAN KAUFT ERGEBNISSE.

Kreativität-Blog

NIEMAND KAUFT KREATIVITÄT. MAN KAUFT ERGEBNISSE.

Der Kipppunkt ist da.

Warum die Medienbranche gerade ihren Kodak-Moment erlebt.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Handelsblatt eine Nachricht, die außerhalb der Medien- und Kreativbranche kaum für Aufsehen sorgte. Für viele Fotografen dürfte sie jedoch wie eine Kündigung auf Raten geklungen haben: Der Modehändler About You schließt im Oktober sein klassisches Fotostudio. Produktbilder entstehen künftig nahezu vollständig durch künstliche Intelligenz.

Was zunächst wie eine Randnotiz aus dem E-Commerce wirkt, ist in Wahrheit ein Lehrstück darüber, wie technologische Disruption funktioniert. Und warum die Medienbranche gerade an einem Punkt angekommen ist, den sie bereits mehrfach erlebt hat und trotzdem jedes Mal aufs Neue unterschätzt.

 

Es geht nie um Technik. Es geht um Ökonomie.

 

Die meisten Diskussionen über künstliche Intelligenz drehen sich um Bildqualität, Ethik oder Kreativität. Unternehmen interessiert etwas anderes: Wirtschaftlichkeit.

About You beziffert die Kosten für ein klassisches Produktfoto auf rund 70 bis 80 Euro. Mit dem eigenen KI-System sinken sie auf etwa einen Euro. Gleichzeitig berichtet das Unternehmen von einem durchschnittlichen Umsatzsprung von 9,2 Prozent in A/B-Tests mit KI-generierten Bildern. Bis Ende des Jahres soll praktisch die gesamte E-Commerce-Produktion über KI laufen.

Spätestens an diesem Punkt endet jede Grundsatzdiskussion.

Wenn ein Verfahren gleichzeitig günstiger, schneller und nach Unternehmensangaben sogar erfolgreicher verkauft, wird es sich durchsetzen.

Nicht weil Menschen Maschinen bevorzugen.

Sondern weil Excel-Tabellen keine Nostalgie kennen.

 

Die eigentliche Nachricht lautet: Das Studio ist nur der Anfang.

 

Viele lesen die Meldung als Krise der Fotografie. Das greift zu kurz. Denn verschwinden wird nicht nur der Fotograf.

Mit ihm geraten Visagisten, Stylisten, Setbauer, Lichttechniker, Assistenten, Modelagenturen, Retuscheure, Produktionsleiter, Studiovermieter und Teile der Postproduktion unter Druck.

Es verschwindet keine Berufsbezeichnung. Es verschwindet eine komplette Wertschöpfungskette.

Genau das macht technologische Umbrüche so schwer greifbar. Sie ersetzen selten nur einen Beruf. Sie verändern ganze Ökosysteme.

 

Die Medienbranche kennt dieses Muster bereits.

 

Wer lange genug in Medien arbeitet, erkennt den Ablauf sofort. Zuerst verschwand die analoge Druckvorstufe. Dann starben Fotolabore.

Anschließend traf es den klassischen Offset-Satz.

Später kamen Musikstudios unter Druck, weil Recording plötzlich im Schlafzimmer möglich wurde. Radiostationen automatisierten Sendeabläufe. Videoschnitt wanderte vom Schnittraum auf das Notebook. Streaming ersetzte CDs. Spotify ersetzte den Musikredakteur als Gatekeeper.

Heute erledigt KI Aufgaben, für die gestern noch komplette Teams benötigt wurden.

Immer derselbe Ablauf. Zuerst wird gelächelt. Dann wird diskutiert. Dann wird relativiert. Und irgendwann macht der letzte das Licht aus.

 

Der eigentliche Irrtum lautet: KI ersetzt Kreativität.

 

Nein. KI ersetzt Standardisierung. Genau deshalb trifft es zuerst die Produktfotografie. Ein weißer Hintergrund. Ein Kleidungsstück. Fünf Perspektiven. Dreißigtausend Produkte. Millionen Bilder.

Das ist kein kreativer Prozess. Das ist industrielle Medienproduktion.

Und industrielle Prozesse waren schon immer die ersten Opfer der Automatisierung.

Dasselbe geschieht inzwischen bei Übersetzungen, Transkriptionen, Sprecherjobs, Stockmusik, einfachen Videoschnitten, Social-Media-Grafiken oder Werbetexten.

Nicht weil KI Künstler geworden wäre.

Sondern weil viele Medienprodukte längst Fließbandarbeit sind.

 

Die Wahrheit ist unbequemer.

 

Die Medienbranche hat sich jahrelang eingeredet, Kreativität sei nicht automatisierbar.

Dabei war ein großer Teil ihrer Arbeit nie originär kreativ.

Er war handwerklich. Und genau Handwerk lässt sich standardisieren.

Wer tausend Produktbilder fotografiert, tausend Podcast-Episoden nach demselben Schema schneidet oder tausend Pressebilder freistellt, erzeugt Prozesse.

Prozesse sind Software. Software wird automatisiert. Automatisierung wird günstiger. Das ist keine Prognose. Das ist Wirtschaftsgeschichte.

 

Besonders hart trifft es die Mitte.

 

Die Spitzen werden bleiben. Die schlechten verschwinden. Gefährdet ist vor allem das riesige Mittelfeld. Der solide Fotograf. Der ordentliche Cutter. Der zuverlässige Sprecher. Der durchschnittliche Texter.

Menschen, deren Arbeit gut war, aber austauschbar.

Genau dort wird KI den größten wirtschaftlichen Hebel entwickeln.

Denn Unternehmen kaufen keine Kreativität. Sie kaufen Ergebnisse.

Wenn dieselben Ergebnisse schneller und deutlich günstiger entstehen, verändert sich der Markt zwangsläufig.

 

Die nächste Welle trifft bereits die Medienhäuser.

 

Während viele Redaktionen noch über KI schreiben, beginnt KI längst, journalistische Produktionsprozesse zu verändern.

Recherche. Zusammenfassungen. Übersetzungen. Videobeschreibungen. Social-Media-Posts. SEO-Texte. Audiofassungen. Sendungsankündigungen.

All das lässt sich heute innerhalb weniger Minuten erzeugen.

Nicht perfekt. Aber oft ausreichend.

Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob KI Journalismus ersetzt.

Sondern welche Teile journalistischer Arbeit tatsächlich unverzichtbar menschlich bleiben.

Recherche vor Ort. Quellenschutz. Einordnung. Vertrauen. Exklusive Informationen. Hartnäckigkeit.

All das kann bislang kein Sprachmodell ersetzen.

 

Der Fehler liegt im Denken.

 

Viele vergleichen KI mit Menschen. Unternehmen vergleichen sie mit Kosten. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Niemand fragt, ob ein KI-Bild schöner ist. Man fragt, ob es verkauft. Niemand fragt, ob ein KI-Text literarisch besser ist. Man fragt, ob er gelesen wird. Niemand fragt, ob ein KI-Schnitt kreativer wirkt. Man fragt, ob die Episode pünktlich online ist.

Diese Perspektive erklärt, warum technologische Umbrüche fast immer schneller verlaufen als öffentliche Debatten.

Während noch darüber diskutiert wird, ob etwas „wirklich so gut“ sei, hat sich die betriebswirtschaftliche Entscheidung längst erledigt.

 

Die eigentliche Herausforderung beginnt jetzt.

 

Die Medienbranche muss aufhören, über Werkzeuge zu sprechen.

Sie muss über Wert sprechen.

Wer seinen Marktwert ausschließlich aus einer technischen Fähigkeit ableitet, konkurriert künftig mit Software.

Wer seinen Wert aus Ideen, Strategie, Vertrauen, Persönlichkeit oder exklusivem Zugang ableitet, schafft etwas, das sich deutlich schwerer automatisieren lässt.

Das gilt für Fotografen.

Für Journalisten.

Für Tonmeister.

Für Cutter.

Für Produzenten.

Für Agenturen.

Für praktisch jeden Medienberuf.

 

Vielleicht ist das gar nicht das Ende.

 

Vielleicht erleben wir gerade nicht den Tod kreativer Berufe. Sondern das Ende einer Illusion. Nämlich der Vorstellung, dass technische Ausführung automatisch einen wirtschaftlichen Wert besitzt.

Das tat sie einmal. Heute nicht mehr. Die eigentliche Währung der Medienbranche heißt künftig nicht Kamera, Mikrofon oder Schnittsoftware.

Sie heißt Urteilskraft.

Geschmack.

Vertrauen.

Originalität.

Und die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, die nicht aus einem Prompt entstehen.

Die Schließung eines Fotostudios in Hamburg ist deshalb weit mehr als eine Unternehmensentscheidung. Sie markiert einen Kipppunkt. Nicht, weil dort künftig weniger fotografiert wird.

Sondern weil erstmals ein großer Medienproduktionsprozess öffentlich zeigt, was künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren mit einer ganzen Branche machen wird.

Nicht irgendwann.

Sondern jetzt.

Das Maison Derrière Studio ist ein deutsches Tonstudio in Mannheim. Der Tonstudio-Blog behandelt Musikproduktion, Studioprozesse, Mindset, Podcast-Produktion und die Realität der Medienbranche, jenseits von reinem Gear-Talk.

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